Kalkestrich ausbessern/reparieren möglich?


01.06.2021 kl_motte 2 194

Hallo,
ich bin gerade dabei, das Für und Wider für ein Fachwerkhaus abzuwägen. Nach der Besichtigung des potentiellen Kaufobjektes würde ich gerne so viel originale Substanz wie möglich erhalten (bereits Denkmalschutz Erfahrung) - die Schäden sind bereits aufgelistet. Doch bei einer Frage hakt es noch:
Kann ich den originalen Kalkestrich im OG erhalten und nur die schadhaften Stellen ausbessern?
Wie üblich wurde der Estrich schon stark beansprucht, hat Risse und Flickversuche mit Zementmörtel wurden auch in der Vergangenheit unternommen. Jedoch alles pauschal raus zu reißen und neu ist nicht mein Ziel.
Meine Idee war es, den Estrich auszubessern (geht das mit Kalkestrich? Wenn ja wie?) und dann später darüber einen Sisalteppich (atmungsaktiv) zu verlegen. Optisch muss er also nicht perfekt sein und die ein oder andere kleine Delle darf es auch geben - ist schließlich ein altes Haus ;-) Die 4 Räume sollen als Schlafkammern dienen, haben also keine dauerhafte starke Beanspruchung.
In meinem anderen Sanierungsobjekt waren ebensolche Kalkestriche drin, die aber zur Mitte des Raumes zu stark abgefallen waren. Auch mussten Deckenbalken ausgebessert werden. Dort habe ich den Estrich entfernt und eine Unterkonstruktion mit abschließendem Rauspund-Boden eingebaut.
Ich würde gerne den Aufwand für das eventuell anstehende Projekt planen und natürlich auch gerne weiter in der Sanierungsthematik dazulernen!

Grüße aus dem Eichsfeld
von Astrid


01.06.2021 Mario

Grundsätzlich lassen sich Kalkmörtelböden erhalten bzw. instandsetzen sofern das Tragwerk noch tauglich ist. Auch ließen sich die bauzeitlichen Materialien nach einem eventuell erforderlichen (Teil-) Rückbau auch wiedereinbauen.

Dieses Materialrecycling mineralischer Baustoffe (sofern ohne Schadstoffe oder mikrobiellen Befall) war auch bauzeitlich Stand der Technik. Insofern könnte die Reminiszenz erhalten werden.

Kalkestriche weissen eine hohe Elastizität auf. Manchmal stehen die Estriche noch gut konsolidiert da obwohl das hölzerne Tragwerk schon längst morsch ist. Deswegen ist eine Reparatur oder Wiederherstellung mit Zement genau das Gegenteil einer materialgerechten Instandsetzung.

Je nach historischer Nutzung wurden die Kalkestriche vorgesehen um bestimmte raumklimatische - bzw. hygienische Ansprüche (Nagerbefall), bei landwirtschaftlicher Lagerhaltung oder den Feuerschutz betreffend (Küchen, Feuerstätte) sicherzustellen.

Die Kalkestrichböden können mit jedem nicht dampfdichten Oberbelag versehen werden. Das kann neben Naturfasern, Holz auch offene Tonbeläge sein. Auch ist eine mineralische Spachtelung aus dem Objektbereich, mit angepasster Materialbasis. denkbar .

Solche Einbauten sind immer unikativ, ein Zeugnis tradierter handwerklicher Erstellung, adaptiert auf die örtlich verfügbaren Materialen und Einbausituation. Deswegen wird man sich das im Einzelfall besser immer anschauen müssen um dann gedanklich ein sinnvolles Vorgehen zu ermitteln. Das erfordert ein tiefgreifendes, spezielles Materialverständnis.

Es ist demnach nicht besonders sinnvoll hier eine Anleitung zu geben oder Reparaturmaterialien zu empfehlen ohne das besichtigt zu haben. Wie gesagt das ist Handwerk, verbunden mit Materialkenntnis. Es ist aber generell kein Problem vor Ort mal eine Reparatur oder angepasste Ergänzungsmaterialien zu bemustern. Über diese haptische Möglichkeit kommt man meiner Erfahrung nach, auch bei unterschiedlichem Informationsstand oder Erwartungshaltung am schnellsten zu einer einheitlichen belastbaren Erkenntnis.

Soweit diese Einbauten vom Denkmalschutz erfasst sind kann man für die auch ein kleines Sanierungskonzept schreiben. Wenn erforderlich kann ich auch Kontakt zu besonders erfahrenen Restauratoren im Handwerk vermitteln. Kostensparend ist auch der angeleitete Selbstbau möglich.

Unter meinem Profil ist eine Emailadresse hinterlegt, diese kann bei geneigtem Interesse gerne für weiteren Kontakt verwendet werden.

Vielen Dank


01.06.2021 kl_motte

für die ausführliche Antwort. Daraus lese ich, dass es möglich ist, diese Estriche zu erhalten und sie in den defekten Teilen zu sanieren! Das freut mich sehr, da ich gerne solche baulich historischen Werte erhalte. Die Deckenbalken im Erdgeschoss sind noch mit dem originalen Lehmputz ummantelt und weisen auch an den Balkenköpfen keinerlei Risse auf. Damit gehe ich davon aus, dass der Schutz des Lehmes diese Balken gut erhalten konnte.
Das Haus steht bisher noch nicht unter Denkmalschutz, der Kontakt zur Landesdenkmalbehörde ist jedoch schon hergestellt. Aufgrund der noch relativ gut erhaltenen Bausubstanz (klar muss da auch ein Schwelle gewechselt werden sowie ein gebrochenes Rähm) und den originalen Lehmputzen sowie den Kalkestrich im OG könnte eine Unterschutzstellung vom Eigentümer beantragt funktionieren.
Mit zu erstellenden Sanierungskonzepten und den möglichen Förderungen/Steuererleichterungen bin ich durch das Projekt meines Wohnhauses vertraut (Vierseithof mit Wohnhaus aus 1750). Auch konnte mir bisher das Amt immer gute Handwerker vermitteln - für Gewerke die ich nicht selber ausführen kann.
Und mit dem Wissen, dass eine Reparatur des Kalkestrichs möglich ist, kann ich weiter an einer Kostenkalkulation stricken. Als geplantes Ferienhaus muss der Aufwand natürlich im Rahmen bleiben ;-)

Grüße aus dem Eichsfeld
von Astrid



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