fertige Leimfarbe unwissend gekauft, kreidet extrem, brauche Hilfe


26.09.2021 tuima 6 443

moin ihr Lieben.
ich habe ein altes haus in der Innenstadt gekauft, habe innen alles mit Lehmputz verputzt, der Lehmputz war super! Habe dann vom selben Betrieb Lehmfarbe erstanden, lt Betrieb soll sie ganz, ganz toll sein, aber er hat nicht verraten, was da drin ist. Im Nachhinein weiss ich, dass es eine Leimfarbe ist, für die ich leider ein Vermögen bezahlt habe...
so, ich habe nun diese Farbe getestet, und hätte sie nicht einmal im Stall verwendet, sie kreidet dermassen aus, das ist abartig. Hat jemand eine Idee, ob man so einen Mist im Nachhinein irgendwie festigen kann?
Der Chef vom Betrieb meint, das sei so völlig in Ordnung, die Farbe ist so richtig....

Leimfarbe kreidet...



...halt ab, leider. Früher (also in einer Zeit, als man Leimfarbe kaufte, weil sie billig war) haben wir einen kräftigen Schuss Latex farblos reingekippt. Nur, davon ist abzuraten, aus vielerlei Gründen.

Ihr könntet schauen, ob sich das Ganze nach einem Zusatz von 5% Kaliwasserglas bessert.

Oder aber die Farbe zurückgeben, soweit unangebrochene Gebinde vorhanden sind. Ihr wolltet Lehmfarbe, nicht Leimfarbe.

Grüße

Thomas

Kaliwasserglas auf Lehmputz



Wenn ihr den Versuch mit dem Kaliwasserglas machen wollt, seid vorsichtig und testet evtl. erst mal an einer verdeckten Stelle. Denn das Wasserglas wird extrem hart und spröde, was auf dem relativ weichen Lehmputz zu feinen Rissen, schlimmstenfalls zu Abplatzungen führen kann.
Und, ihr müsst euch bewusst sein, dass durch das Wasserglas die Oberfläche des Putzes dauerhaft gehärtet und wasserabweisend wird. D. h., im Reparaturfall, wenn man z. B. einen Kratzer im Putz ausbessern will, kann man den Lehmputz nicht mehr einweichen. Eine "unsichtbare" Reparatur ist dann nur noch sehr schwer zu machen.
Am Besten ist die Leimfarbe wieder runter zu waschen und die Lehmfarbe direkt auf den Putz zu streichen. Zur Not könntet ihr testen, ob die Lehmfarbe auf der Leimfarbe hält, wenn ihr diese vorher mit einer Kaseingrundierung (gibts z. B. von Kreidezeit) satt streicht, damit sie verfestigt und tragfähig wird.

Ich meinte...



das Kaliwasserglas als Zuschlag zur Farbe, nicht direkt auf den Putz.

In der vorgeschlagenen Konzentration wird es wohl keine Abplatzungen geben. Es entsteht (in etwa) eine Silikatfarbe. Aufgrund des Leimanteiles sollte die Farbe immer noch abwaschbar sein, aber eben nicht mehr so stark kreiden.

Ein paar Experimente zur optimalen Wasserglaskonzentration sind sinnvoll.

Grüße

Thomas

Leimfarbe


28.09.2021 Daniel

Hallo Thuima,
vorab sollte mal erst einmal den Begriff Leimfarbe klären . Im 19. und 20 Jahrhundert bestand eine Leimfarbe aus einem Farbenleim (Bindemittel), einem Füllstoff (Kreide) und Pigment. Der Farbenleim war in der Regel ein Zelluloseleim. Es gab aber auch Leimfarben aus Warmleimen und Casein-Leim. Der Vorteil einer Leimfarbe ist, das diese spannungsarm, günstig, einfach zu pigmentieren und leicht mit Wasser wieder abzuwaschen war. (Außer Casein). Der Nachteil ist, dass sie in kühlen und leicht feuchten Räumen zur Schimmelbildung neigt (organische Bestandteile) und nach einigen Jahren zum Kreiden neigt. Im 20 Jahrhundert hat man bzw. die Industrie noch Zusätze (Acryl, Zucker etc.) bei fertigen Leimfarben (z.B. Keim Reversil) dazugegeben um den Bindemittelabbau (kreiden) zu verzögern und die Verarbeitbarkeit zu verbessern. Grundsätzlich sehe ich die Farbbeschichtung von Lehmputzen aus technischer hinsicht kritisch, da eine Lehmputzoberfläche nicht chemisch aushärtet sondern nur austrocknet. Jedoch hat man auch im Mittelalter Lehmoberflächen schon gekalkt, was dann mehr oder weniger gut gehalten hat. Für die Beschichtung von Lehm kann ich mir aus diesem Grund am ehesten eine Lehmfarbe (mit div. Zusätzen) oder eine Leimfarbe (spannungarm) vorstellen. Aus der Tradition der Verarbeitung von Leimfarbe streicht man saubere, tragfähige und saugende Untergrunde erst einmal mit einem verdünnten Farbenleim vor (z.B. Glutolin, Tylose, Klucel etc.). Dann ist der Untergrund vorgefestigt und dem folgenden Anstrich wird nicht das Bindemittel entzogen. Kreidende Anstriche kann man aber wiederum auch im nachhinein mit verdünnten Farbenleim nachfestigen.Am besten im Sprühverfahren (Airless, Becherspritze, Pumpsprüher) oder mit der Streichbürste (Oberfläche kann dann aber etwas scheckig werden). Von Festigungen mit Tiefgründen (Acryl, Silikatacryl) kann ich abraten. Diese können die Oberfläche überbinden (Abplatzen) und sind noch Schimmelgefährdeter als die Leimfarbe an sich. Festigungsversuchen mit Reinsilikat, Kieselgel etc. können irgendwie funktionieren (physikalische Haftung,) sind jedoch eigentlich materialfremd, da Lehmputze einen nicht verkieselungsfähigen Untergrund darstellen. Da die Industrie (auch die Ökos) sehr kreativ sind, was die Verbesserung der Verarbeitung betrifft ist es immer erst mal wichtig, die technischen Datenblätter vorab zu lesen, um zu wissen, was wirklich drin ist. Ich wusste z.B. das in einer sog. Silikatgrundierung Acryl ist (weiße Milch, Geruch). Deklariert war es aber dann erst in den Sicherheitsdatenblätter.
So, jetzt hab ich ein bischen ausgeholt. Sorry. Aber vielleicht konnte ich Dir etwas weiterhelfen.
Schöne Grüße
Daniel

Danke


05.10.2021 tuima

Danke ihr Lieben, das war wirklich erstmal viele Informationen. Ich bin froh, dass wir erst einen Raum mit der Leimfarbe gestrichen haben.
ich habe einen Lehmputz der enorm hart ist, er ist mit Aktivkohle. kann man Kalkfarbe nutzen? kann man Kalkfarbe besser mit Marmormehl oder mit Kreide verstärken? also den Farbeffekt? sollte man lieber Sumpfkalk nehmen?oder Weisskalkhydrat? muss man als Bindemittel Casein nehmen? ich habe gelesen, dass es auf Lehmputz zu Problemen führen kann.
Ich werde vermutlich den einen Raum kreiden lassen, und mit Silikat versuchen es zu verfestigen.
Danke Sonja

kalkfarbe


09.10.2021 Daniel

Hallo thuima,
als nicht Verarbeitungsprofi würde ich Dir eine fertige Kalkfarbe z.B. von Haga oder Dullinger Arctica empfehlen. Genau betrachtet, sind das Kalkleimfarben mit Füllstoffen (Marmormehl etc.), Titanweiss und Farbenleim. Diese sind einfach zu verarbeiten, trocknen gleichmäßig usw. Gibt es auch bestimmt von anderen Herstellern. Nur genau schauen, dass keine Acryl/Dispersion drin ist (z.B. Münsterweiss). Alles andere ist "Try and errror".
Gruß
Daniel