Sichtfachwerk-Fassade mit Backsteinen sanieren und schützen


27.09.2021 Waldemar 8 408

Hallo,

ich habe hier im Forum bereits viel über das Thema Fachwerksanierung, Kalkmörtel, Kalkputz und Kalkfarbe gelesen, allerdings ist es leider so, je mehr man ließt, desto mehr Möglichkeiten tun sich auf und aktuell komme ich alleine nicht mehr weiter.

Kurzer Überblick:

Ich habe ein altes Fachwerkhaus aus dem Jahre 1900 (genaues Jahr leider unbekannt). Außen ist das Fachwerk komplett sichtbar, die Gefache sind mit Backsteinen (Vollziegel, relativ weich) ausgemauert und nicht verputzt. Um die 60/70er Jahre herum wurde die Fassade "saniert", lose Fugen und die Holzanschlüsse zwischen Gefach und Balken wurden mit Zementmörtel neu verfugt und es erfolgte ein Anstrich, womit wird wohl ein Rätsel bleiben, es lässt sich jedenfalls schlecht entfernen.

Nun kann man sich schon vorstellen, wie die Fassade aktuell aussieht. Der Zementmörtel gibt an allen Stellen nach und bröckelt heraus. Auch die Backsteine leiden darunter, die Flanken brechen durch den Zementmörtel ab. Einige Gefache hat es wohl mit der Zeit etwas herausgedrückt, diese stehen nun bis zu 3 cm hervor, kann allerdings sein, dass es schon immer so war (hat mir zumindest der Vorbesitzer gesagt).

Nach langer Recherche habe ich mir nun eine Plan gemacht.
1. Die aktuelle Beschichtung kommt ab, egal wie, wird sicherlich sehr viel Zeit beanspruchen.

2. Überall da, wo Fehlstellen sind bzw. noch Zementputz vorhanden ist, möchte ich die Fugen auskratzen (Tiefe 1,5 fache der Fugenbreite) und mit Sumpfkalkmörtel wieder neu ausfugen.
Das Vorgehen ist relativ klar, gut Vornässen, bei tieferen Stellen ggfs. anwerfen bzw. in mehreren Lagen arbeiten.

3. Jetzt kommt der Teil, wo ich mir noch ziemlich unsicher bin und worauf meine gesamte Frage abzielt.
An diesen Punkt wird dann oft Putz in zwei Schichten aufgetragen, das soll bei mir allerdings nicht passieren. Die ausgemauerten Gefache sollen steinsichtig erhalten bleiben, also ohne Putz dafür mit Farbe.

Meine Überlegung ist, da Sumpfkalkmörtel nicht besonders wetterfest ist, muss es irgendwie geschützt werden, allerdings ohne seine Eigenschaft zu verlieren.
Es gibt viele Vorschläge, die gängigsten Wären: Sumpfkalkfarbe, Kaseinfarbe und Silikatfarbe.

Kaseinfarbe, so hatte ich das hier an einer Stelle gelesen, soll man besser nicht im Außenbereich anwenden, da es zu Schimmelbildung kommen kann (wegen dem biologischen Anteil).

Silikatfarbe soll für so einen Fall "zu fest" werden und verringert auch die Trocknungszeit des Gefaches.

Das was über bleibt, ist die Sumpfkalkfarbe. Bei einigen Herstellern steht allerdings, dass es nur bedingt für den Außenbereich geeignet ist und das ist der Punkt, der mich stutzig macht.
Was übersehe ich hier? Gibt es Anmerkungen zu meinem Gedankengang? Bin ich auf dem richtigen Weg oder gleich zu Anfang schon falsch abgebogen? Ich bin für Ideen und Anregungen offen.

Die Wetterseite (westlicher Giebel) ist behangen und somit geschützt. Dachüberstand ist vorhanden (ca. 50 cm), Giebelseiten jedoch weniger.

Ich habe noch ein Bild von einem sehr demolierten Gefach angehängt, Dort sieht man den Schaden sehr gut. Rechts sieht man allerdings, dass noch Kalkmörtel vorhanden ist (dieser sandet jedoch auch relativ stark).

VG Waldemar

Re: Sichtfachwerk-Fassade mit Backsteinen sanieren und schützen



Bevor, bzw., wenn du mit der Sanierung der Gefache anfängst solltest du auch die Balken von der abblätternden Farbschicht befreien. Denn die ist fürs Holz mindestens genauso gefährlich wie die offenen Anschlussfugen. Durch die Risse und Löcher in der Farbschicht dringt Wasser dahinter und kann nicht mehr (schnell genug) raus. Das Holz vergammelt hinter der Farbschicht.

"Einige Gefache hat es wohl mit der Zeit etwas herausgedrückt, diese stehen nun bis zu 3 cm hervor kann allerdings sein, dass es schon immer so war (hat mir zumindest der Vorbesitzer gesagt)."
Der Ursache solltest du auf den Grund gehen. Sitzt die Ausmauerung locker im Gefach? Was drückt von innen? Du musst mindestens die obere vorstehende Kante nach hinten abschrägen, dass sie ca. 1 cm unter dem darüber liegenden Balken ist, damit kein Wasser, das an der Fassade runter läuft, auf der Ausmauerung ins Gefach zurück laufen kann. Das gilt für alle Gefache. Das Wasser soll jeweils von der Unterkante der waagrechten Hölzer VOR die Ausmauerung tropfen/fließen und von da weiter nach unten.
Deshalb gilt: Eine Ausfachung muss jeweils oben unter den Balken zurück springe, unten idealerweise exakt auf der Balkenkante stehen.
In deinem Fall, mit Sicht-Mauerwerk im Gefach, kannst du das, wie beschrieben, oben durch Abschrägen der Steinkanten nachbessern, unten nur mit einer schräg zur Balkenkante hin vorspringenen Mörtelfuge.

"Silikatfarbe soll für so einen Fall "zu fest" werden und verringert auch die Trocknungszeit des Gefaches."
Richtig ist, Silikatfarben werden recht hart, weil sie mit silikatischem Untergrund verkieseln. Also eine äußerst feste Verbindung eingehen. Falsch ist das sie die Trocknungszeit eines Gefaches verringern. Im Gegenteil, es gibt, außer Kalkfarben, kaum andere Farben die so diffusionsoffen sind. Es gibt auch hydrophob eingestellte Silikatfarben, die verhindern dass Wasser (in flüssiger Form) in die Oberflächen der Ausfachungen einsickert, aber trotzdem eingedrungene Feuchtigkeit raus diffundieren (als Gas/Dampf) kann.

Sichtfachwerk-Fassade mit Backsteinen sanieren und schützen


29.09.2021 Waldemar

Danke für die ausführliche Antwort!

Ja, die Farbschicht wird auch auf von den Balken entfernt. Klappt leider nur begrenzt mit einer Messing-Drahtbürste, es wird nur warm/heiß und verschmiert.

Zu den hervorstehenden Gefachen: Die Ausmauerung selber sitz komplett fest, also auch mit Druck bekommt man diese nicht bewegt. Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, exemplarisch ein Gefach auszubauen und zu schauen, was sich "dahinter" verbirgt. Was ich sagen kann, es sind keine Dreiecksleisten verbaut. Das mit dem Anschrägen der Kante muss ich mir mal anschauen.

Zur Silikatfarbe: Ich habe zwischenzeitlich noch etwas recherchiert und weiß nun, woher ich diese Aussage habe. Die meisten SIlikatfarben haben wohl einen Dispersionsanteil, daher kommt wohl meine Aussage.
Also könnte ich auch Silikatfarbe für meine mit Weißkalkhydrat ausgemauerten Gefache nehmen? Gibt es da Empfehlungen? Bei Kreidezeit habe ich leider nur die Silikatfarbe zum Selbermischen gefunden, so weiß man zumindest, was drin ist.

VG
Waldemar

Kleiner Tipp zur alten Farbe


29.09.2021 Methusalem

Kleiner Tipp zur alten Farbe: Bahco Farbschaber! Genial

Farbschaber


29.09.2021 Waldemar

Danke für den Tipp mit dem Schaber, den habe ich schon längere Zeit im Auge und werde den wohl mal bestellen.
Was mich ein bisschen abschreckt, sind die Preise für die Ersatzklingen. Wie lange hält denn so eine Klinge oder kann man die gar selber nachschärfen? Und funktioniert das auch auf den Backsteinen?

Solange du


29.09.2021 Methusalem

Solange du nicht über Nägel o.g. schabst wird die Klinge ewig halten. Ich sag mal so, ich war selten von einem Werkzeug so begeistert. Funzt 1000x besser als so ein billiger Dreiecksschaber.

Für Ziegelsteine...



...sind die Schaber nicht geeignet. Für Holz dafür umso besser.

Grüße

Thomas

Fachwerk


29.09.2021 Daniel

Hallo Waldemar,
gleich vorneweg. Ich bin kein Fachwerkspezialist. Kenne mich jedoch ein wenig mit hist. Bausubstanz aus.
Ob das Fachwerk richtig ausgeführt ist, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist jedoch, Zementputz und hochhydraulische Putze haben hier nichts zu suchen. Die Ausbrüche an den Putzflanken zum Gebälk hin haben mind. zwei Gründe. 1. Der viel zu harte Ergänzungsmörtel wurde bündig ohne Kellenschnitt zum Balken hin verschmiert. 2. Das offenporige wahrscheinlich in diesem Bereich nicht beschichtete Balkenholz quillt auf und schwindet je nach Wetterlage und Bewitterung und drückt den Mörtel weg. Deswegen ist es günstig, bei der Flankenputzergänzung mit der Kelle/Spachtel den Putz vom Balkenholz zu trennen, damit dieses sich nach belieben ausdehnen und schwinden kann.
Zum Putz: Am besten verwendet man den gleichen Putz wie in den alten Fugen. Wahrscheinlich ein Kalkputz mit geringen hydraulischen Anteil (Druckfestigkeit unter 3 N). Schau doch mal bei der Firma Otterbein Kalk rein, vielleicht hat die etwas passendes. Bis ins 19. Jhdt. hat man auch mit trocken gelöschten Kalkmörteln gearbeiten. Das beherschen aber nur wenige Profis. Poröse Putzflanken kann man gut mit Mineralfestigern festigen (z.B Kaliwasserglas (Reinsilikat) mit Wasser 1:1). Es ginge auch Kalksinterwasser (15 Anwendungen). Das Vornässen mit Wasser festigt nicht, es soll nur verhindern, das dem frischen Mörtel das Wasser entzogen wird und dieser an der Flanke schwindet.
Zur Wandfarbe: Da sich die Wandfarbe leicht aufdreht, hat diese sicher organische (Acryl) Anteile. Es ist dann vieles möglich. Disperionsfarbe, Disperionssilikatfarbe, Siikonharzfarbe, Solsilikatfarbe......
Entfernbar ist eigentlich nur Dispersionsfarbe. Wie? Abbeizer einstreichen und Abdampfen. Vielleicht geht auch alleine der Hochdruckreiniger. Aber mit dem Druck aufpassen, sonst ist der Schaden größer wie der Gewinn. Woran erkennt man die Disperion bzw. das Acryl?. Optisch. Brennprobe... stink nach plastik. Metall auf Farbe reiben.... dunkelgrauer Streifen.... Plastik drin. Du kannst ja zusätzlich zum Schaber auch mal mit einem Heißluftfön auf die Fläche gehen... vielleicht gibts Blasen und....
Sollte die Farbe nicht runter gehen, wirst Du wahrscheinlich bestenfalls auf eine Dispersionssilikatfarbe zurückgreifen müssen. Die ist, je nach Schichtdicke einigermaßen Diffusionsoffen und klebt auf vielem.
Reinsilikatfarbe oder auch Kaliwasserglasfarbe genannt ist immer ein Zweikomponenten Material (Bindemittel +Pigment) und ist nur auf etwas härteren Putzen zu empfehlen. (Profimaterial).
Sumpfkalk im Außenbereich ist auch eher was für Profis. Dafür braucht es viel Erfahrung und beste Rahmen- u. Untergrundbedingungen. Sonst wird es nichts. Es gibt aber auch noch Verschnittfarben (Hasit Kalkfarbe mit 3 % Acryl), Nanokalk (Calxnova), Kalkkaseinfarbe (Beek) usw. Vielleicht wäre das noch etwas.
Und noch ein Tip am Ende. Das Balkenholz vor dem Verputz säubern und wenn es möglich ist mit Leinöl oder Halböl (1:1 mit Terpentinersatz) streichen. Damit setzt Du das Quell und Schwindverhalten etwas herunter. So jetzt pfeift mich meine Frau zum Abendessen. Hoffe, ich konnte Dir etwas weiterhelfen.
Gruß Daniel

Farbe entfernen



Hallo Waldemar,
falls zur Hand könntest du es auch mit Sandstrahlen probieren. Auf den Steinen und am Holz. Das wäre die schnellste und einfachste Lösung. Wenn das nicht geht wird ein Heißluftfön (oder vorsichtig mit der Flamme) das manuelle Abschaben erleichtern, da die Farbe auf dem Holz schon beim Abbürsten schmiert.
Auf den Steinen könnte es kniffeliger werden, wenn die Farbe härter als die Steinoberfläche ist (Zitat: "Vollziegel, relativ weich"). Da könntest du es mit einer Nylonbürste (auf der Bohrmaschine od. Flex) probieren.



Holzfarbe / Wetterschutzfarbe für das Fachwerkhaus -Webinar Auszug


Zu den Webinaren